Sonntag, 18. Mai 2014

"Wie die Angst Eltern zu Verfolgern ihrer Kinder werden lässt"

Einige Anmerkungen zum ewigen Kreislauf der Erziehung

Diesen Titel und Untertitel trägt ein Essay des Soziologen Hans-Eckbert Treu (die hier zitierten Passagen sind kursiv gehalten). 


Eltern als Verfolger ihrer Kinder?
Laut Hans-Eckbert Treu ist die Liebe des Menschen zu seinem Nachwuchs ein Grundantrieb menschlichen Verhaltens: Die Grundelemente dieser Liebe seien Fürsorge, Verantwortung, Respekt und Wissen. Nein, unser Autor ist kein verklärter Romantiker, der die elterliche Liebe idealisiert! Sogar unserem Grundgesetz liegt ein Menschenbild zugrunde, demzufolge in Bezug auf Eltern grundsätzlich von verantwortungsvollen, um das Wohl ihres Kindes bemühten Müttern und Vätern ausgegangen wird. Soll heißen, es liegt nicht in der Natur des Menschen, seinem Nachwuchs Gewalt anzutun. Tut er es doch, so ist da etwas faul... aber was?

Die Liebe zu unserem Nachwuchs kennzeichnet die „Fürsorge für das Leben und Wachsen dessen, das wir lieben“.

Verantwortlich sind wir durch unsere „Bereitschaft auf die unausgesprochenen und ausgesprochenen Wünsche des anderen zu antworten“.

Respekt bedeutet, „den anderen so zu sehen und zu akzeptieren, wie er ist und seine einmalige Individualität zu erkennen und zu respektieren“. 

Dies bedeutet, den anderen bedingungslos anzunehmen. Wieso sollte Liebe auch an Bedingungen geknüpft werden? Liebt eine Mutter oder ein Vater ihren Sohn oder seine Tochter nur wenn… sie/er so oder so (nicht) ist, oder dies oder das (nicht) tut?

Dies alles beruht auf Wissen, dem tief in uns verankerten Wissen, dass „die menschliche Individualität in letzter Konsequenz ein unerforschliches Geheimnis ist“!

Und Erziehung?
„Erziehung kann vor diesem Hintergrund nur die Aufgabe sein, dem Kind bei der Verwirklichung seiner Möglichkeiten zu helfen. Sie ist aber tatsächlich eine Geschichte der Unterdrückung und Verfolgung der Kinder, die die einmalige Individualität von Kindern verleugnet und anstelle des Wissens von der Unerkennbarkeit des Wesens menschlicher Individualität gesellschaftlich erwünschte Normen und Werte setzt, nach denen die Einmaligkeit von Kindern zerstört wird.“
Um dies besser zu verstehen, bitte ich den werten Leser/die werte Leserin, diesen Absatz erneut zu lesen und dabei den Begriff „Kind“ durch „(junger) Mensch“ zu ersetzen… Denn es fällt uns seltsamerweise zumeist leichter anzuerkennen, dass jeder Mensch einmalig ist – und eben diese Einzigartigkeit zu respektieren. Es fällt uns leichter anzunehmen, dass jeder Mensch ein Geheimnis ist, dass wir ihn nicht vorhersagen können – und wieso sollten wir das wollen, tun? Es fällt uns leichter, einen Menschen bei der Entfaltung seines Potenzials zu begleiten; einem Menschen bei der Bewältigung neuer, unbekannter Aufgaben beizustehen und ihm zuzugestehen, dabei Fehler zu machen – ohne pädagogische oder erzieherische Ambitionen; einen Menschen zu respektieren in seinem Interesse für das Eine und Desinteresse an dem Anderen, seinen Willen und seine Fähigkeit zur Selbstbestimmung zu achten – und vor allem: seine Würde! In der Begegnung mit einem geliebten Menschen, den wir schätzen und achten, fällt es uns leichter, uns von Vertrauen leiten zu lassen. Warum fällt uns das alles so viel schwerer bzw. ist manchmal sogar unmöglich, wenn wir den Menschen zum Kind machen?

Nein, ich bin keine verträumte Idealistin, wenn ich dafür plädiere, dass einem jeden Menschen Vertrauen und die bedingungslose Achtung seiner Würde nicht nur zusteht, sondern, dass sie Voraussetzungen sein müssen, dass er überhaupt Mensch sein und menschlich handeln kann! Sogar unserem Grundgesetz liegt ein derart positives Menschenbild zugrunde, dass ich nur noch staunen konnte angesichts dessen, was in unserer vermeintlich freiheitlich-demokratischen Gesellschaft tatsächlich gelebt wird [1]:

Das leitbildgebende grundgesetzliche Menschenbild geht nicht nur von einem Menschen aus, der seiner Natur nach das Bedürfnis nach Gemeinschaft hat und danach, zum Wohl dieser Gemeinschaft beizutragen; der also ein soziales Wesen ist, welches ethisch sinnvoll und gemeinwohlförderlich handeln will und dem Freiheit und Raum zur Selbstentfaltung zugestanden werden soll und muss, um ihm dieses Verhalten überhaupt zu ermöglichen. Es geht darüber hinaus von einem Menschen aus, der mündig und zur Selbstbestimmung fähig ist. Soll heißen, der Mensch ist nicht von Natur aus schlecht, unrichtig, asozial, faul, unselbständig, gewalttätig, destruktiv – und schon gar nicht inkompetent und unmündig! Scheint er es doch zu sein, so ist da etwas faul… aber was? Vielleicht die Tatsache, dass wir ihn so behandeln, als wäre er das alles? Vielleicht, weil wir ein tief in uns verankertes Wissen vergessen haben, unterdrücken, verdrängen? Vielleicht, weil wir ihn deshalb unterdrücken und verfolgen?

Erziehung – eine Geschichte der Unterdrückung und Verfolgung der Kinder?
„Zu dieser Pervertierung von Erziehung konnte es kommen, da Angst anstelle von Liebe in die Beziehung der Eltern zu ihren Kindern getreten ist. Angst, die daraus resultiert, daß die Menschen sich eine Welt geschaffen haben, in der es zu den Grunderfahrungen gehört, daß gegen ein spontanes Leben entsprechend der menschlichen Bedürfnisstruktur mit Härte und Rücksichtslosigkeit vorgegangen wird. […]Von dem einzelnen wird erwartet, daß er sich allmählich arrangiert und anpaßt und identifiziert. Dann kann er – falls er noch dazu in der Lage ist – an den materiellen Gratifikationen der Gesellschaft teilhaben.

Werden die von ihrem eigentlichen Sein entfremdeten Menschen mit den Ansprüchen ihrer Kinder nach eigener Individualität konfrontiert, steigen die Ohnmacht, Hilflosigkeit und Angst wieder auf, die man selbst im Zuge der Zerstörung der eigenen Persönlichkeit empfunden hat. Diese Wiederkehr des Verdrängten führt in der Regel nicht zu einem Lernprozeß, mit dem der unterbrochene eigene Reifeprozeß wieder aufgenommen wird, sondern die Kinder werden so beeinflußt, daß sie möglichst nahtlos in die Massengesellschaft hineinpassen und nicht mehr Mahnung an die eigene Phase der Hilflosigkeit und Erniedrigung sind.“
Das heißt also, wenn der junge Mensch sein Bedürfnis nach Selbstbestimmung und seine Entscheidungskompetenz offenbart, löst er bei seinen älteren Mitmenschen (Eltern, Erziehern u.a.) Ohnmacht, Hilflosigkeit und Angst aus? Aber ja, und nicht nur das: er aktiviert damit in uns die Botschaften, die wir einst erhalten haben, und die wir jetzt fast automatisch und unhinterfragt als indirekte oder direkte Botschaften weitergeben (und stellen Sie sich nun einen Menschen vor, der diese Botschaften erhält):

„Das kannst du noch gar nicht entscheiden. Dazu bist du noch zu klein. Das kannst du noch gar nicht wissen. Du weißt noch nicht, was gut für dich ist. Das verstehst du noch nicht. Das kannst du noch gar nicht absehen. Das kannst Du nicht alleine. Das entscheide ich! Ich weiß, was gut für dich ist! Ich weiß, was du brauchst! Ich weiß es besser! Du musst tun, was ich sage. Du brauchst mich, damit du etwas lernst. Du brauchst mich, damit aus dir was wird! Ich weiß, was richtig und was falsch ist! Ich bestimme, wann und wo und wie und in welchem Tempo du lernen und entscheiden und mitbestimmen sollst und kannst! Sei nicht so eigenwillig! Sei nicht so dickköpfig! Sei nicht so stur! Sei nicht so trotzig! Sei nicht so respektlos! Und vor allem: Sei ja nicht zu anders, das macht mir Angst, das setzt mich unter Druck! Bist du überhaupt normal?“
„Es ist heute von folgender Grundsituation in der Erziehung auszugehen: Die Massengesellschaft hat sich zu einem übermächtigen, Anpassung verlangenden und durchsetzenden Gebilde entwickelt. Allein die Vorstellung, sich anders zu verhalten, als es erwartet wird, weckt bei dem einzelnen ein Gefühl der Unsicherheit und Angst. Unsicherheit und Angst empfinden Eltern auch, wenn ihre Kinder in irgendwelchen Bereichen nicht der Norm entsprechen. Sie sollen nicht anders sein und sich nahtlos, ohne auffällig zu werden, in die anonyme Massengesellschaft einpassen. Entwickeln sich die Kinder jedoch nicht stromlinienförmig, werden sie über Beratungsstellen, Therapien entsprechend geformt. Gelingt die Anpassung auch mit Hilfe wissenschaftlicher Weisheit (oder was dafür gehalten wird) nicht, droht Aussonderung aus dem Kreis der Privilegierten. Das wird von den Eltern als Makel empfunden. Ihre Aggressivität kehrt sich jedoch nicht gegen das System, das ihren Kindern – so wie diese sind – keine Entwicklungschancen läßt, sondern gegen die eigenen Kinder, deren Verhalten Verdrängtes und Verleugnetes wieder bewußt zu machen droht. Zwar werden die Kinder in der Regel heute nicht mehr so gnadenlos wie früher geprügelt, aber die Verfolgung der nicht anpassungsfähigen Kinder wird immer noch ohne Pardon betrieben. Die Angst vor dem Anderssein, vor dem Auffälligwerden, läßt die angeborene Liebe zu Kindern in Aggressivität umschlagen.“

Angst lässt Eltern zu Verfolgern ihrer Kinder werden? Ist dies nachvollziehbar? Ist es wahr? Schauen Sie in sich hinein, schauen Sie sich um, schauen Sie sich ihre Beziehung zu Ihrem Sohn/Ihrer Tochter an, schauen Sie ganz genau hin – und beantworten Sie diese Frage ganz allein für sich. Ich möchte nun eine lange Passage aus Hans-Eckbert Treus Essay zitieren (da ich selbst seine ganz wesentlichen Aussagen nicht besser formulieren könnte):
„Die Zurichtung der Kinder im VorschulalterDer Raum für Kindheit, in der Kinder möglichst unbeschwert, ihren von Phantasie und magischen Vorstellungen angetriebenen Neigungen entsprechend, die Welt entdecken, wird immer enger. Zum einen wird die von den Erwachsenen ausgebeutete und geschundene Welt immer trostloser, zum anderen läßt man Kinder sich nicht mehr entwickeln, sondern die Kinder werden gemäß den Anforderungen eines späteren Schulbesuchs gemäß entwickelt.

Die Schule ist das für die Eltern an den Horizont gepinselte Schreckgespenst. Jedermann weiß und hat davon gehört, beziehungsweise in den Zeitungen davon gelesen, daß immer mehr Kinder Schulprobleme haben oder sogar schulkrank werden. Darüber hinaus sickert immer mehr an die Öffentlichkeit durch, daß dies zum Teil überhaupt nichts mit der Intelligenz oder Begabung eines Kindes zu tun haben muß. Die Kinder müssen sich normgerecht entwickeln, dann werden sie auch keine Schulprobleme haben. Vor diesem Hintergrund beginnt die Zurichtung der Kinder.

Der Zurichtung voraus geht die Vermessung. Ohne Vermessung hat die Verhaltensbeeinflussung keine Grundlage. In diesem Zusammenhang muß dann erst einmal definiert und festgelegt werden, was normal ist, wieviel Abweichung noch toleriert werden kann, und von welchem Punkt an in Entwicklung eingegriffen werden muß. Normalität läßt sich durch statistische Durchschnittswerte oder durch Übereinkommen von sogenannten Experten herstellen. Mit dieser Normalität werden Eltern spätestens konfrontiert, wenn die Mutter mit ihrem Kind zur Vorsorgeuntersuchung geht. … Das Kind kann dann seinem Alter voraus sein, dann ist die Welt in Ordnung. Selbst völlig unsinnige Aussagen, mit denen der genaue Entwicklungsvorsprung in Wochen festgestellt wird, werden dankbar registriert. … [Hören] Mütter jedoch, daß ihr Kind in bestimmter Weise von der Normalität abweicht … dann wird es problematisch, denn Abweichungen gelten als Auffälligkeiten, mit denen das Kind keinesfalls sich selbst überlassen bleiben darf. Für die Beseitigung der Defizite gibt es Förderprogramme, nach denen Kinder unter fachlicher Anleitung auf Normalität getrimmt werden.

Für Kinder ist dies jedoch keine Förderung, sondern eine Einengung bei der Entfaltung der eigenen Persönlichkeit. Denn was heute alles als auffällig gilt, ist, von wirklichen Ausnahmen abgesehen, nichts anderes als die normale Variation in der Bandbreite menschlicher Entwicklungsmöglichkeiten. Es sind also nicht Durchschnittswerte, nach denen Kinder vermessen werden, Normalität, sondern Variationen in der Entwicklung sind das eigentlich Normale. Zumindest, wenn man den Menschen – so wie er ist – als Maßstab nimmt.

Was bedeutet das für die Kinder, wenn sie mit Förderprogrammen konfrontiert werden, die für die Beseitigung von Defiziten ausgerichtet sind? Es sind für sie in erster Linie Negativerfahrungen. Sie dürfen nicht das machen, was sie können, sondern von ihnen wird gerade das erwartet, was ihnen schwerfällt oder was sie zu diesem Zeitpunkt einfach noch nicht können. […] Kinder werden zu korrekturbedürftigen Objekten, deren Verhalten und Leistungsvermögen aus unerwünschten Zuständen in erwünschte geführt wird. Was das für die Persönlichkeitsentwicklung bedeutet, kann man als Erwachsener am ehesten nachvollziehen, wenn man sich vorstellt, wie es einem selbst ergehen würde, wenn man nur noch einen Arbeitsplatz bekäme, in dem nicht das persönliche Leistungsvermögen gefordert wäre, sondern der Einsatz dort erfolgte, wo die Anforderungen an den eigenen Fähigkeiten vorbeigehen. Der einseitig begabte Buchhalter käme dann erst einmal in die Schlosserei, damit durch eine handwerkliche Tätigkeit seine unterentwickelten motorischen Fähigkeiten gefördert werden. Oder der hyperaktive Schlosser käme in die Buchhaltung, damit er dort mit therapeutischer Unterstützung eines Psychologen Stillsitzen lernt. Das würde jeder Erwachsene als Streß und Frustration empfinden, die die Entfaltung des persönlichen Leistungsvermögens verhindern. Kein Unternehmer käme auf die Idee, dieses seinen Mitarbeitern zuzumuten. Kinder aber sollen auf diese Weise zugerichtet werden. […] Kinder scheinen danach Objekte zu sein, in die beliebig alles eingepflanzt werden kann.“
Wie stehen nun die Eltern dazu?

(Ich möchte Sie erneut beim weiteren Lesen bitten, innerlich den Begriff „Kind“ durch „(junger) Mensch“ zu ersetzen – und gegebenenfalls zu beobachten, welche Wirkung das für Sie hat.)
„Da die Liebe zu den Kindern auch nicht durch den menschlichen Machbarkeitswahn einfach aufgehoben werden kann, haben sie zumindest Vorstellungen oder intuitive Ahnungen davon, daß vieles anders ist, als die Bildungsmacher vorspiegeln. Sie wissen, daß Kinder verschieden sind, daß sich ein Kind anders entwickelt als das andere, und daß Abweichungen zu der ganz normalen Vielfalt des Entwicklungsspektrums von Kindern gehören. Dieses Wissen kann in Erfahrungen wurzeln oder in der Liebe zu Kindern. Es gehört zu dem Primärwissen, das bis vor gar nicht allzu langer Zeit dem Verhalten und Handeln Sicherheit gegeben hat. Eine falsch verstandene Aufklärung hat diese Sicherheit beseitigt und hat Primärwissen in den Bereich des Unzulänglichen, teilweise Irrationalen gerückt, mit dem die moderne, überkomplexe Welt nicht mehr adäquat zu begreifen ist.

Anstelle des Primärwissens ist das in vermeintlich rationalen Sinnzusammenhängen entstandene wissenschaftliche Erklärungswissen getreten. Der wissenschaftliche Experte ersetzt die persönliche Erfahrung. Das von den Experten produzierte Wissen überzieht die Welt wie eine zweite Wirklichkeit. […] Hieraus hat sich eine zwiespältige Situation entwickelt, in der Angst und Hilflosigkeit das Verhalten beeinflussen. Eltern, aber auch Therapeuten, die das Denken noch nicht aufgegeben haben, wissen, daß Kindern durch die Zurichtung geschadet wird. Dennoch findet niemand einen Ausweg aus der Sackgasse. Den Rückgriff auf die eigenen Erfahrungen, Intuitionen und Gefühle wagt niemand mehr. Die Wissenschaften bewegen sich auf einer Einbahnstraße weg von den Kindern. Selbst Eltern, die sich bewußt noch auf die Seite ihrer Kinder stellen wollen, gehen angesichts dessen einen Kompromiß ein, der immer zu Lasten der Kinder geht.
Eine weitere Verschiebung zuungunsten der Kinder ergibt sich nach der Einschulung.“
Dieser Essay wurde veröffentlicht im Jahre 1992 [2]. Wir sollten uns bewusst sein, dass wir, die jetzigen Eltern, möglicherweise die Kinder der von Treu beschriebenen Elterngeneration sind. Auf welche Erfahrungen können und müssen wir zurückgreifen? Wieviel Zugang haben wir zu unseren Intuitionen und Gefühlen? Wie sehr vertrauen wir darauf? Wie sehr vertrauen wir Experten und misstrauen vielleicht unserem eigenen inneren Wissen?
„Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem der ewige Kreislauf der Erziehung sich wieder zu schließen beginnt, und Liebe zumindest zu einem Gemisch aus Aggression und Liebe wird.

Der Kreislauf schließt sich


Vor dem heutigen Schulsystem kapitulieren fast alle Eltern. Denn es sind ja nicht nur diejenigen, deren Kinder scheitern, die den Kindern im Nacken sitzen, sondern auch die Eltern der guten Schüler. Die Kinder müssen ständig dranbleiben, das heißt, jede Fehlzeit kann den Schulerfolg gefährden, da der Nachvollzug des Unterrichtsstoffes Lücken bekommt, die die Schüler selbständig kaum schließen können. Denn von ihnen wird ja nicht Wissen von und über die Welt gefordert, sondern der Nachvollzug und die Wiedergabe des von der Schule Vorgegebenen. Ganz ohne Druck der Eltern funktioniert das meist nicht.
Es stellt sich die Frage, warum der Druck sich immer gegen die Kinder kehrt und es nur in wenigen Fällen zu einem Aufbegehren gegen das Schulsystem kommt. Die Angst vor der Wiederkehr des Verdrängten, mit der alles, was man erreicht hat, was Identität vermittelt, in Frage gestellt wird, läßt die Eltern zu Verfolgern der eigenen Kinder werden. Legitimiert wird dieses Verhalten meist mit Phrasen: ‚Uns hat es ja auch nicht geschadet‘ oder ‚Wir mußten da auch durch und haben es dennoch zu etwas gebracht‘.“

Müssen wir uns fragen, wenn wir so denken, ob wir nicht einem Irrtum unterliegen? Hat es uns wirklich nicht geschadet? Ist das, was wir aus unserem Leben gemacht haben, das, was unserem Potenzial, unseren Träumen, unseren einstigen Idealen, unserem ethischen Grundverständnis, unserer Vorstellung des Sinns unseres Lebens entspricht? Oder stimmt es, was Treu über Eltern sagt?
„Auch sie haben einmal nach eigenen Wegen der Lebensgestaltung gesucht, haben die Eltern dabei als Unterdrücker erfahren und konnten deren Ansprüchen nicht gerecht werden. Das ist jedoch verdrängt, und um die Verdrängung aufrechtzuerhalten, wollen sie es nicht mehr wissen, daß die Oase des Heranwachsens eine Zeit ist, in der die Welt nicht nur anders gesehen wird, sondern in der eine andere, bessere Welt eine realistische Perspektive ist. Aus ihnen selbst hat man den Glauben an eine bessere Welt erst herausgeprügelt und später im Berufsleben nachdrücklich verdeutlicht, daß eine bessere Welt nur etwas für Träumer ist, die im ‚wirklichen‘ Leben scheitern. Irgendwann blieb dann nur die Resignation und – um nicht in Apathie zu verfallen – die Identifikation mit den Unterdrückern, aus der man wieder Selbstbewußtsein entwickeln konnte.
Würde Eltern jetzt den ewigen Kreislauf der Erziehung aufbrechen und sich auf die Seite ihrer Kinder stellen, ginge das – wenn es sich zu einer Massenbewegung entwickelte – an die Substanz der angeblichen Leistungsgesellschaft. Die Eltern spielten dann das Spiel nicht mehr mit. Sie brächen aus ihrer Rolle als angepaßte und effizient programmierte Leistungs- und Konsumroboter aus. Ihren Kindern würden Entwicklungsfreiräume geschaffen, in denen diese ihr tatsächliches Leistungsvermögen entwickeln könnten und dabei ein ganz anderes Verhältnis zur Welt bekämen, in dem diese nicht mehr ausgebeutet und als Müllplatz mißbraucht würde.
Für diese Individuen hat die soziale Marktwirtschaft jedoch keinen Platz. Deshalb wird jedes Aufbegehren konsequent unterdrückt. Begehren Eltern auf und fordern, daß ihr Kind ein Recht auf seine Entwicklung hat und wollen dieses Recht außerhalb staatlich vorgegebenen Wegen realisieren, werden sie mit Sanktionsmitteln überzogen, die sie meist bald wieder aufgeben lassen. Es bleibt meist bei einem Aufbegehren. Dann kehrt sich der Druck und die Aggressivität wieder gegen die Kinder. Damit diese einmal genauso aufgeben und so werden wie sie selbst sind.
Aber selbst die eingeschränkte Lebensperspektive, nach der es die Kinder zumindest einmal genauso gut haben sollen wie die Eltern, bekommt für viele einen immer fragwürdigeren Charakter. Denn es gibt eine ständig ansteigende Anzahl von Schulabsolventen, die – wenn das Abitur erreicht ist – nicht mehr wollen. Weder für ein Studium noch für eine Berufsausbildung können sie sich motivieren. Auch Interventionen von außen bewirken wenig. Die Eltern, die alles gemacht haben, stehen jetzt vor dem Problem, daß die erwachsenen Kinder sich weigern, die Rolle eines Erwachsenen in der Gesellschaft zu übernehmen. Der Kreislauf der Erziehung beginnt seine Funktionsfähigkeit zu verlieren. Das könnte langfristig Chancen eröffnen, sich in Erziehung und Bildung wieder auf die Kinder zurückzubesinnen. Kinder als einmalige Persönlichkeiten könnten wieder der letzte Bezugspunkt pädagogischen Denkens werden. Eine realistische Perspektive wird das jedoch nur, wenn Eltern sich darauf besinnen, daß zu den Bürgerrechten und -pflichten nicht nur die Anpassung, sondern auch der Widerstand gehört.“
Wie wirkt das ganze nun angesichts der Tatsache, dass das Geschriebene bereits vor 20 Jahren verfasst wurde?
Ich möchte nun gern als Ihre weitere Anregung Hans-Eckbert Treu in einem wichtigen Punkt korrigieren:
Langfristige Chancen eröffnen sich uns nur, wenn wir uns auf den Menschen zurückbesinnen, denn sind etwa Kinder keine Menschen? Wenn wir den Menschen nicht nur als einmalige Persönlichkeit, sondern auch und vor allem als Subjekt begreifen – von Beginn seines Lebens an bis zu seinem Tod. Was bedeutet es, wenn wir die den Menschen als Subjekt als Bezugspunkt allen zwischenmenschlichen Handelns nehmen? Macht nicht jedes „pädagogische Denken“ den Menschen zum Objekt einer Ideologie, von pädagogischen Ambitionen? Verletzt nicht jede Degradierung zum Objekt die Würde des Menschen? Wird eine realistische Perspektive nicht nur daraus, dass Eltern sich darauf besinnen, dass ihre Söhne und Töchter allesamt Menschen sind, Subjekte, deren Grundrechte es zu schützen und zu verteidigen gilt. Hieße das dann nicht, jegliches abzulehnen, welches sie zu Objekten von Erziehung Bildung macht? Wenn Sie an dieser Stelle bereit sind, sich diese Fragen zu stellen, bedeutet dies, dass Sie bereit sind, ein gesellschaftliches Tabu zu betrachten.

Die bedingunslose Würdigung des Menschen - ein Ausbruch!
Zum Abschluss möchte ich die jüngsten radikalen Gedanken des Philosophen Bertrand Stern zitieren, welcher sich nie hat davon abbringen lassen, bedingungslos den Menschen und seine Freiheit und Würde in den Mittelpunkt aller Betrachtungen zu stellen. Mögen Sie das Gelesene als Anregung betrachten, kritisch zu sein und weiterzudenken. Ich wünschte mir, wir würden ernsthaft diese Gedanken reflektieren und sie nicht weiterhin ignorieren. Lassen Sie uns gerne Räume schaffen, wo wir dies gemeinsam tun können.  
„Es ist nämlich so, dass dieses zivilisatorische System, in dem wir leben, aus gewissen Menschen aufgrund der Tatsache, dass sie jung sind, Kinder macht. Kindheit – ein Konstrukt, eine Annahme, ein Vorurteil, ein Stigma, also ein Brandmark. Wenn Sie mal darüber nachdenken, was passierte, wenn Sie dieses Brandmal, diese Merkwürdigkeit, diese Konstruktion, die sowieso sinnlos oder widersinnig ist, wenn Sie das in Frage stellten, ja dann hätten Sie gewisse Konsequenzen tatsächlich dann zu vollziehen. Stellen Sie sich mal vor, meine Damen und Herren, wir hätten die Kindheit in Frage gestellt. Wir hätten dann keine Menschen mehr, die anstelle der Möglichkeit, seiend zu sein, zu Werdenden gemacht würden; denen vorgegaukelt wird, aus ihnen soll ja mal was werden – klare Aussage: ihnen wird abgesprochen zu sein! Wenn wir keine Kindheit hätten, hätten wir keine Zöglinge; Zöglinge sind Objekte von Erziehung. Erziehung? Wieso wollen Sie ziehen? Wenn wir keine Kindheit hätten, hätten wir keine Schutzreservate für diese Menschen, die einer besonderen Pflege bedürfen – ob es jetzt Schulen oder andere Orte sind, spielt keine Rolle. Wenn wir keine Kindheit hätten, hätten wir auch keine Minderjährigen, die deshalb zu minderwertigen Menschen gemacht werden. Und: wenn wir keine Kindheit hätten, hätten wir auch keine Schüler – Schüler im Sinne von Abhängigen, von Menschen also, die als Objekte der Institution Schule betrachtet und behandelt werden. Eine interessante Idee, anzunehmen, Menschen sind und bleiben Subjekte von Anfang an bis zum Schluss.
... Ein demokratisches System beruht darauf, dass Menschen Subjekte sind und der Staat lediglich eine subsidiäre Bedeutung haben kann. Subsidiär! Das heißt, der Staat hat nur dann einzutreten, wenn die Menschen es nicht vermögen, wenn die Subjekte es nicht selbst tun. … Was bedeutet Demokratie in einer Lebensform, in der die Menschen tatsächlich Subjekte sind? Wenn wir das bedächten, dann hätten wir viele Probleme überhaupt nicht, die eigentlich nur künstliche Probleme sind, Probleme, weil wir eine Kindheit geschaffen haben oder erhalten und weil wir andere Bedingungen – ich sag immer tote Leichen – am Leben erhalten, die eigentlich längst schon abgeschafft gehören.
Also, meine Einladung, meine radikale Einladung ist nicht die einer Reform, eines Wandels, einer Veränderung, sondern die eines klaren Ausbruchs: Brechen wir aus aus diesen überkommenen Ordnungsmustern, die völlig ohne jede Chance dastehen, jemals in der kommenden Zeit zu etwas Positivem zu führen. …das Wichtigere ist das Vertrauen. Das Vertrauen, dass Sie in sich tragen. Das Vertrauen, das in uns ist und auch in den künftigen Generationen, in den jungen Menschen, die wir leider zu Kindern gemacht haben.“[3]


Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!





[1] Die Informationen zum grundgesetzlichen Menschenbild entstammt der Dissertation des Juristen Tobias Handschell Die Schulpflicht vor dem Grundgesetz. Erschienen 2012 im Verlag Nomos. 

[2] In dem Herausgeberwerk Kindheit – ein Begriff wird mündig. Miteinander wachsen statt erziehen. Herausgegeben von Martin Schröder im DrachenVerlag, Wolfratshausen.


[3] Podiumsdialog auf dem Fest der Bildung in St. Pölten im April 2013: http://www.youtube.com/watch?v=OO4W3zlXxrs&feature=youtu.be

Mittwoch, 27. November 2013

Mobbing - nur ein Missverständnis?


Eine erste systemische Annäherung an ein bedeutsames Phänomen 


Franziska Klinkigt


Neulich fragte die Leiterin einer Kindertagesstätte, in deren Team ich eine Weiterbildung zum Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung veranstaltete: „Wieso machen wir denn eigentlich diese Schulungen, wenn doch die Rahmenbedingungen in unseren Einrichtungen Kindeswohlgefährdung begünstigen?“
 
Wie war es dazu gekommen, dass sie diese Frage stellte? Im Laufe der Auseinandersetzung mit der Frage, wann und wodurch das Kindeswohl gefährdet sei, wurde allen anhand eines eigenen Fallbeispiels immer deutlicher, dass in der Einrichtung selbst Gewalt stattgefunden hatte. Konnte es sein, dass die mit Gewalt verbundenen Lösungsversuche der Beteiligten zum Problem geworden waren? Konnte es vielleicht sogar sein, dass der Kontext selbst das Problem war und die gewaltvollen Handlungen nur ein Ausdruck dessen?

Wenn es um das Phänomen „Mobbing in der Schule“ geht, sollten wir uns dieselben Fragen stellen. Betrachten wir aber die übliche Behandlung des Tatbestandes Mobbing in der Schule, entdecken wir, dass es hierbei zugeht wie bei einer Hetzjagd. "Mobbing muss in jeglicher Form in der Schule geächtet werden“, so Udo Beckmann, der Bundesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung[1]. Ob er sich bei dieser Aussage dessen bewusst war, dass „ächten“ bedeutet, jemanden aus einer Gemeinschaft auszustoßen? Diese Maßnahme klingt noch absurder, wenn wir uns die Definition des Begriffes „Mobbing“ anschauen.

Der Autor und Studiendirektor Karl Dambach schreibt in seinem Buch „Mobbing in der Schulklasse“[2], „dass mit ‚Mobbing‘ nur die lange anhaltende (mindestens über mehrere Monate anhaltende) Ausgrenzung Einzelner von der Mehrheit bezeichnet wird“. Soll nun also Gleiches mit Gleichem bekämpft werden? Dies scheint immerhin nicht überall üblich zu sein, denn kürzlich hörte ich, dass eine Erzieherin ihres Arbeitsplatzes verwiesen wurde, nachdem sie ein Kind, von welchem sie getreten worden war, zurück getreten hatte. Aber birgt Beckmanns Forderung nicht einen unlösbaren Widerspruch: Genau das zu tun, was eigentlich verhindert werden soll? Also mehr desselben? Wenn wir jetzt aufhorchen, werden wir dank dieses Lösungsversuchs erkennen, dass wir auf dem Holzweg sind.
Was ist eigentlich „Mobbing“?
Wer oder was soll denn hier geächtet werden (diese Bezeichnung findet sich bemerkenswerterweise auch an anderer Stelle, in einer Pressemitteilung des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes[3])? Das Phänomen Mobbing? Das ist ein interessanter Gedanke, wenn bedacht wird, in welchem Zusammenhang dieser Begriff ursprünglich verwendet wurde. Der Zoologe Konrad Lorenz beschrieb Anfang der 1960er Jahre ein bestimmtes Verteidigungsverhalten vieler Vogelarten, die sich zu einer Gruppe zusammentaten, um gemeinsam durch Alarmrufe und Scheinangriffe einen Fressfeind oder anderen überlegenen Gegner in die Flucht zu schlagen (das konnte auch ein Artgenosse sein, der die eigene Brut bedrohte). Dieses Verhalten nannte er „Hassen“ (Singvögel beispielsweise „hassen besonders intensiv auf“ Eulen), was auf Englisch „Mobbing“ bedeutet.
Mobbing ist also in seinem ursprünglichen Sinne ein sinnvolles Verhalten: Eine Lösungsstrategie in Notsituationen. Gleichzeitig ist dieses Verhalten ein Ausdruck des Erlebens von Gefahr, das heißt, wenn die entsprechenden Lebewesen etwas als gefährlich wahrnehmen, greifen sie zu diesem Verhaltensmuster, um die vielleicht nur vermeintliche oder gar tatsächliche Gefahr abzuwenden. 

Greifen nun junge Menschen in der Schule zum Verhaltensmuster Mobbing, stellt sich dann nicht die Frage nach dem Sinn dieses Verhaltens? Ist es denkbar, dass diese jungen Menschen sich in einem Verteidigungsmodus befinden, da sie sich in einer Notsituation erleben? Eine Situation, in der sie sich bedroht fühlen von Gefahren für ihren Selbstwert, ihre Würde, ihre Integrität und Freiheit, für ihr Selbstvertrauen, ihr Gefühl von Selbstwirksamkeit, für ihre Selbstbestimmung und ihr Potential zur Selbstentfaltung – kurzum: für ihr Leben? Sind es also vielleicht die Rahmenbedingungen, die Mobbing begünstigen oder überhaupt erst hervorrufen? Und was sagt uns umgekehrt das Phänomen Mobbing über diese Rahmenbedingungen?

Diese Fragen leiten hin zu dem eigentlichen Schlüsselgedanken, der zum besseren Verständnis der Problematik führt: Mobbing ist ein Symptom, ein Kennzeichen, ein Hinweis darauf, dass das System, innerhalb dessen es auftritt, gestört ist.

Um diesen Gedanken zu veranschaulichen, betrachten wir einmal beispielhaft und sehr vereinfacht dargestellt das kleine „System“ Familie. Kennzeichnend für dieses System ist, dass seine Mitglieder in Beziehungen zueinander stehen und miteinander kommunizieren. In der Familientherapie ist häufig zu beobachten, dass ein Familienmitglied, meist ein Sohn oder eine Tochter, als diejenige Person beschrieben wird, die das Problem „hat“. Wer aber genauer hinschaut, stellt zumeist fest, dass es im Bereich der Beziehungen und in der Kommunikation zwischen den Familienmitgliedern (meist verdeckte) Schwierigkeiten bzw. Störungen gibt. Die Person, die als Problem vorgestellt wird, „besitzt“ nicht das Problem, sondern „trägt“ es. Sie übernimmt eine ganz wichtige und für die Familie wertvolle Rolle, indem sie zum einen das dysfunktionale System stützt und vor Zusammenbruch bewahrt und zum anderen signalisiert: „Hier stimmt etwas nicht“. Um dies zu verdeutlichen folgendes Beispiel: Eltern kommen mit ihrem neunjährigen Sohn, der seit Wochen wieder einnässt. Im Laufe des Gesprächs kommt heraus, dass die Eltern schon seit langer Zeit überlegen, sich zu trennen. Das „Problem des Sohnes“ übernimmt hier die Rolle, die Eltern durch ihre gemeinsame Sorge zu verbinden und lenkt den Fokus weg von den Beziehungsproblemen hin zu einem anderen Problem: dem Einnässen. Gleichzeitig dient es als Signal des Sohnes: „Ich merke, dass etwas nicht stimmt.“ Würde hier nun die Aufmerksamkeit ausschließlich auf den Jungen gelegt werden und ein irgendwie geartetes Schließmuskel- oder Toilettentraining oder gar eine medikamentöse Behandlung, bliebe die Funktion bzw. die Botschaft dieses Symptoms völlig unberücksichtigt.

Wenn nun Mobbing in der Schule gleichermaßen Ausdruck eines dysfunktionalen Systems ist, so würden wir mit Ächtung genau das Gegenteil tun, als das, was dieser „Rolle“ zusteht. Ächtung ist die große Schwester der „Verachtung“, also der dauerhaften Abwertung. Was Mobbing als Symptom aber braucht, ist sowohl Achtung im Sinne von Anerkennung als auch Beachtung im Sinne von Interesse an dessen Botschaft.
Ächtung statt Achtung?
Stattdessen werden im Zuge der Ächtung Schuldige gesucht und gefunden und schlimmstenfalls zu „Tätern“ gemacht und bestraft. Dabei wird gerade hier wieder die Paradoxie dieser Vorgehensweise deutlich. In einem Interview erzählt Zoë Readhead, die Leiterin der bekannten Demokratischen Schule Summerhill in England, wie dort mit Mobbing umgegangen wird: „Das ist bei uns zum Glück kein großes Thema, weil solche Vorfälle immer schnell ans Licht kommen. Besonders die älteren Schüler sind da wachsam. Aber wer tatsächlich jemand anderen mobbt, kommt auf die Mobbingliste: Er wird von allen Gemeinschaftsveranstaltungen ausgeschlossen und muss sich als Letzter in der Reihe beim Essen anstellen.“[4] Wie kann ein mehr desselben zu weniger desselben führen?

Um es noch anders und mit den Worten Astrid Lindgrens auszudrücken, die sie 1978 in ihrer Rede anlässlich der Verleihung eines Deutschen Friedenspreises gebrauchte: „Das aber hieße den Teufel mit dem Beelzebub austreiben und führt auf die Dauer nur zu noch mehr Gewalt und zu einer tieferen und gefährlicheren Kluft zwischen den Generationen. Möglicherweise könnte diese erwünschte ‚härtere Zucht‘ eine äußerliche Wirkung erzielen, die die Befürworter dann als Besserung deuten würden. Freilich nur so lange, bis auch sie allmählich zu der Erkenntnis gezwungen werden, dass Gewalt immer wieder nur Gewalt erzeugt – so wie es von jeher gewesen ist.“[5]
  
Um den Kreislauf ein wenig zu verdeutlichen, eine kleine Anekdote aus dem Leben eines zwölfjährigen Jungen:
Dieser Junge berichtete mir, er komme in der Schule mit den Lehrern und Mitschülern nicht gut aus, streite sich häufig und fühle sich oft schlecht, ungerecht behandelt und allein. Er sei schon ein paar Mal von der Schule suspendiert oder weggeschickt worden. Ich fragte nach, aus welchem Grund. Da erzählte er mir die zuletzt geschehene Begebenheit: Ein Mädchen aus seiner Klasse habe ihm die Hose heruntergezogen. Daraufhin sei er zu der Lehrerin gegangen, die sagte, er solle das selbst klären. Das habe er getan – und dem Mädchen die Hose heruntergezogen. Daraufhin sei er wieder suspendiert und in einem Brief von der Schule der sexuellen Belästigung bezichtigt worden.

Eine ganz absurde Geschichte, die zwar offenlässt, ob hier von Mobbing gesprochen werden kann, aber offenbart, dass das Täter-Opfer-Konzept unbedingt infrage zu stellen ist. Könnte es Situationen geben, in denen gar der „Täter“ selbst das „Mobbingopfer“ ist?
Was ist Gewalt?
Der Begriff „Gewalt“ stammt vom althochdeutschen Wort „waltan“ ab, welches „stark sein, beherrschen“ bedeutet. Der Zusammenhang zu „Herrschaft“ im Sinne einer institutionalisierten Form von Über- und Unterordnung drängt sich nicht nur auf, im rechtsphilosophischen Sinne sind beide Begriffe sogar gleichbedeutend. 

Marshall Rosenberg, der das Konzept der „Gewaltfreien Kommunikation“ entwickelt hat, sagt, dass wir Menschen seit über 8000 Jahren in von Herrschaft geprägten Strukturen leben, in denen ein paar Leute, die für sich in Anspruch nehmen, besser zu sein, als die anderen, diese kontrollieren. Unsere Art der Erziehung sei an diese Strukturen angepasst bzw. genau dafür geeignet, um diese aufrechtzuerhalten.

Demnach wäre das Phänomen Mobbing ein Ausdruck von Herrschaft in Form von Machtausübung, welcher die Struktur unserer Erziehungs- und Schulkultur widerspiegelt. Rosenberg liefert eine beeindruckende Beschreibung dessen, was unsere Art der Erziehung kennzeichnet, die von einem nicht weniger beeindruckenden Ergebnis gekrönt wird: Die gründliche, gelungene Erziehung erschafft entweder „nette tote Menschen“, die tun, was ihnen gesagt wird – mögen wir sie vielleicht lieber als brav, angepasst oder wohlerzogen bezeichnen –, oder „Monster“[6]. Eignen sich diese beiden nicht wunderbar für die Rollenbesetzung der antagonistischen Gegenspieler in einem Psychodrama mit dem Titel „Mobbing in der Schulklasse“?

Wenn also Mobbing in den Rahmenbedingungen des Systems wurzelt, in dem es stattfindet (z. B. Arbeitsplatz, Schule, Familie), und nur die Äußerungsform eines Problems ist, dann müssen wir uns die Frage stellen, wie diese Rahmenbedingungen sein müssen, damit es überhaupt gar keinen Anlass für Mobbing mehr gibt. Es lohnt sich, diesen Gedanken noch auszuweiten: Mobbing ist nur eine Form von Gewalt. Wurzelt Gewalt generell in den Rahmenbedingungen unserer Gesellschaft, und wie müssten sich diese dann wandeln, damit es schließlich keinen Anlass für Gewalt mehr gibt?
Sind wir schon auf dem richtigen Weg?
Betrachten wir unsere jüngere Geschichte, stellen wir fest, dass bereits ein Wandel stattgefunden hat. Wie wir wissen, waren bis in die 1970er Jahre Körperstrafen gängige und akzeptierte Erziehungsmittel, welche nicht als schädigend, sondern im Gegenteil als der Menschwerdung des Zöglings förderlich angesehen wurden. So hatte in Deutschland bis 1928 ein Familienvater nicht nur das Recht, seine Kinder, sondern auch seine Frau zu züchtigen. Erst ab 1957 durfte auch die Mutter ihre Kinder züchtigen, davor war dieses Recht dem Vater vorbehalten. Bis 1973 hatten Lehrer und Eltern das gemeinsame Züchtigungsrecht (in der DDR allerdings nur bis 1949, in Bayern dagegen bis 1980) und bis 2000 hatten es schließlich nur noch die Eltern. Seitdem haben Kinder ein „Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig“. Dieses Recht ist im §1631 des Bürgerlichen Gesetzbuches verankert, im Bereich der „Elterlichen Sorge“[7]. Somit legt der Gesetzgeber fest, dass Gewalt gegenüber Kindern nicht toleriert wird.

Hans Schleicher, Experte für Familienrecht, liefert eine Darstellung dessen, was unter Gewalt in der Erziehung zu verstehen ist[8]. Er betont, dass der Begriff „Recht“, im Gegensatz zu dem des „Gebots“, deutlich machen soll, dass der junge Mensch als Subjekt-Person mit eigener Würde ein Recht auf die Achtung seiner Grundrechte hat. Wenn wir davon ausgehen, dass die Grundrechte eines Menschen an keine Bedingungen geknüpft sind (was das Grundgesetz voraussetzt), könnte es problematisch sein, dass sowohl der Gewaltbegriff als auch die Bewertung von Gewalt davon abhängen, in welchem Kontext eine Handlung stattfindet. Dabei ist die Frage, ob eine Handlung als Gewalt definiert wird, noch einmal eine ganz andere als diejenige, ob diese Handlung toleriert wird.

Schleicher macht deutlich, dass der Terminus „Gewalt“ im Rahmen des §1631 des BGB nicht im strafrechtlichen Sinne zu verstehen ist. So stelle es, „im Kontext der elterlichen Sorge z. B. noch keine Gewalt dar, wenn Eltern ihr Kind hindern, das Elternhaus zu verlassen, während im Strafrecht jedes (und somit auch dieses) Festhalten eines Menschen gegen dessen Willen zunächst einmal als ‚Gewalt‘ bezeichnet werden müsste – ohne dass damit jedoch bereits etwas über die Strafbarkeit ausgesagt wäre.“

Heißt das jetzt, wenn wir Kinder „als Menschen“ sehen, wäre das Festhalten Gewalt, wenn wir sie hingegen „als Kinder“ sehen, wäre dies nicht Gewalt, sondern Erziehung? Wie sieht es denn gewaltdefinitorisch und strafrechtlich in der Situation aus, wenn Eltern ihr Kind dazu veranlassen oder gar zwingen müssen, gegen seinen ausdrücklichen Willen das Elternhaus zu verlassen, um in die Schule zu gehen? Und wie sieht es diesbezüglich aus, wenn die Schule ein Kind daran hindert, diese zu verlassen – gegen seinen ausdrücklichen Willen? Was ist, wenn ein Kind in der Schule Gewalt erfährt, z. B. durch Mobbing, und deshalb nicht mehr dorthin will?
Das Recht auf gewaltfreie Erziehung – nur Ansichtssache?
Als Gewalt werden „körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen“ genannt. Hinsichtlich körperlicher Gewalt wären sich vermutlich alle einig bei der Beurteilung der gewalttätigen Vorfälle, die in den Medien Beachtung finden. Aber Diskussionen um den berühmten „Klaps“ oder andere als „maßvoll“ und „angemessen“ angesehene Maßnahmen zum Zwecke der Erziehung, offenbaren ein gewisses definitorisches Spektrum. Noch größere Uneinigkeit zeigt sich meist in Gesprächen darüber, was unter „seelischen Verletzungen“ und „anderen entwürdigenden Maßnahmen“ zu verstehen ist.  Als mögliche Beispiele dafür nennt Schleicher Bestrafungen wie Kürzen des Taschengeldes, zeitweiliges Spiel-, Fernseh- oder Kino-Verbot oder auch Hausarrest, welche zwar nicht verboten seien, aber „in krassen Übermaßfällen (z. B. bei längerem völligem Einsperren)“ eventuell diese darstellten.

Wie sieht es denn eigentlich aus, wenn Menschen jahrelang beinahe täglich für mehrere Stunden in einem Raum eingesperrt und von der Vielfalt des Lebens und den Angelegenheiten der Welt ausgeschlossen werden? Der Sozialpädagoge Frank Schallenberg bezeichnet in seinem Buch „Ernstfall Kindermobbing“[9] Mobbing als einen „massiven, aggressiven Eingriff in das Leben und Handeln eines anderen Menschen“, der sich typischerweise „regelmäßig über einen längeren Zeitraum“ vollzieht. Liegt demnach bei dem beschriebenen Prozess, der ja unser Schulsystem kennzeichnet, nicht eben dieser Ernstfall Kindermobbing vor?

Der Begriff „seelische Verletzungen“ ist laut Schleicher „relativ unbestimmt und somit ausfüllungsbedürftig“. Wäre es zynisch zu behaupten, der Umstand, dass das Recht der Kinder auf gewaltfreie Erziehung nur gegenüber den Eltern zu bestehen scheint, vereinfache die „Ausfüllung“ dieses Begriffes?

Es bleibt der Eindruck, dass es wirklich vom Kontext abhängt, ob Gewalt toleriert wird oder nicht, und davon, von wem sie ausgeübt wird. Eine Sequenz, die in einem Artikel zum Thema „ADHS“ in einer bekannten psychologischen Fachzeitschrift dargestellt wurde, verdeutlicht das: Es handelt sich um ein Szenario in einem Therapiezentrum in einer großen Stadt in Deutschland:

„...schon prescht ein blondes Energiebündel herein. Der fünfjährige Junge gibt brav die Hand und sagt Guten Tag, doch in seinen Augen glitzert es verdächtig: Was machen wir heute? Was passiert als Nächstes? Man merkt: Der Junge würde am liebsten sofort loslegen, kann seinen Elan kaum zügeln.
Zuerst aber heißt es für ihn, sich still hinzusetzen, auf einer Matte in der Ecke, neben dem kleinen Tisch, an dem seine Mutter mit der Sozialarbeiterin redet. Er darf sich ein Spielzeug aussuchen, mit dem er sich allein beschäftigen soll, solange die Frauen ins Gespräch vertieft sind. Der Junge wählt die Legosteine. Seine Aufgabe lautet, nicht dazwischenzureden, während seine Mutter berichtet, wie es in der vergangenen Woche mit ihrem Sohn lief. Die Therapeutin stellt dem Jungen eigens die Uhr. 15 Minuten muss er durchhalten – und wann immer er den Frauen ins Wort fällt, nimmt die Sozialarbeiterin einen Spielstein aus einer Schale. Die Zahl der verbleibenden Steine bestimmt darüber, wie lange sie hinterher alle zusammen spielen.
Die Sache geht nicht lange gut. Nach wenigen Minuten wandert der erste bunte Plastikwürfel aus der Schale. Der Junge schaut irritiert, doch die Frau ermuntert ihn, weiterzuspielen, so wie abgemacht. Das tut er auch, zumindest für einen Moment. Dann fällt er seiner Mutter erneut ins Wort - und schwupp ist der nächste Spielstein weg. Der Junge ist ein echter Zappelphilipp...“[10]

Wem der Begriff „Folter“ hierfür zu krass erscheint, der sei kurz auf dessen Definition hingewiesen, der zufolge Folter das „gezielte Zufügen von psychischem oder physischem Leid (Gewalt, Qualen, Schmerz, Angst, massive Erniedrigung)“ darstellt, „meist als Mittel für einen bestimmten Zweck“, um zum Beispiel „den Willen und den Widerstand des Folteropfers (dauerhaft) zu brechen“[11]. Auf gar keinen Fall ist davon auszugehen, dass die beiden in der Szene dargestellten erwachsenen Frauen in der Absicht handeln, dem Jungen Leid zuzufügen. Im Gegenteil: Sie handeln nach bestem Wissen und Gewissen in der Überzeugung, dies sei zu seinem Besten. Gleichwohl ist es ein gezieltes Handeln mit dem Zweck, den Willen des Jungen zu brechen, ihn gefügig zu machen, ihn einer von außen gegebenen Struktur (die er nicht versteht und nicht erklärt bekommt!) und von anderen gesetzten Maßstäben zu unterwerfen. Ist es nicht zutiefst erniedrigend, einen Platz zugewiesen und eine Zeitstruktur aufgezwungen zu bekommen, innerhalb der ein Mensch schweigend erdulden muss, wie zwei andere Personen über ihn reden? Und dies bei Ankündigung und Ausführung von Strafe. Ist es zudem nicht geradezu abartig, dass das „Glitzern“ in den Augen, der „Elan“, also der offensichtlich feurige Tatendrang und die Neugierde auf das, was nun kommen wird, als etwas Negatives, zu Unterdrückendes, zu Beherrschendes angesehen wird? Allein der Versuch, sich anstelle des Jungen einen erwachsenen Menschen vorzustellen, macht die Unmöglichkeit dieser Situation deutlich.
Ende der 1970er Jahre begann der Psychologe Heinz Leymann die langjährige Erforschung des Phänomens Mobbing am Arbeitsplatz und erstellte schließlich einen Katalog von Mobbinghandlungen – ein sogenanntes „Psychoterror-Inventar“ (Leymann Inventory of Psychological Terror[12]). Darin finden wir Handlungen wie die Einschränkung der Möglichkeit, sich zu äußern durch Vorgesetzte oder Kollegen, Kontaktverweigerung, „man spricht nicht mehr mit dem Betroffenen“, „man wird wie Luft behandelt“, man erhält „sinnlose“ oder „kränkende“ Arbeitsaufgaben, „hinter dem Rücken des Betroffenen wird schlecht über ihn gesprochen“ oder auch die Verdächtigung, „psychisch krank zu sein“. Es ist schon beeindruckend: Was in der Arbeitswelt von Erwachsenen Mobbing sein kann, ist in der Welt der Kinder „pädagogisch wertvoll“.

Aber Karl Dambach betont ja auch, es gebe zwar unterschiedliche Arten, wie Individuen ausgegrenzt würden, aber keine „typischen Mobbinghandlungen“. Das Entscheidende sei das regelmäßige Auftreten gegen dieselbe Person über einen länger andauernden Zeitraum hinweg. Ob dies für den Jungen mit den glitzernden Augen zutreffen mag, wird davon abhängen, inwieweit er in der Lage ist, sich in die ihm aufgebürdete Struktur einzufügen. Gelingt es ihm, innerhalb dieser zu „funktionieren“, wird er möglicherweise bald von oben beschriebenen Maßnahmen verschont bleiben. Wird er seine Lebensenergie und den unbändigen Drang nach Lebendigkeit hingegen nicht unterdrücken und einkerkern lassen, so wird er es vermutlich schwer haben. Sein Verhalten wird weiterhin als unangemessen und anstrengend empfunden werden und er selbst bald als „nicht tragbar“.
Dennoch können wir hoffen …
Ebenso wie Astrid Lindgren davon ausging, dass wir eines Tages zu der Erkenntnis gezwungen sein werden, dass Gewalt immer wieder nur Gewalt erzeugt (und schließlich sind nur ein Jahr nach ihrer Rede körperliche Bestrafungen und sonstige kränkende Handlungen in Schweden gesetzlich verboten worden und nur 21 Jahre danach auch in Deutschland), denkt auch Marshall Rosenberg, dass unsere Art von Erziehung und die Gewalt, die daraus entsteht, eine vorübergehende Sache ist. Wenn wir die gesamte Menschheitsgeschichte betrachten, dann sind 8000 Jahre nur ein kleiner Abschnitt, „und wir werden relativ schnell wieder zu dem zurückkehren, was für uns natürlich ist“[13]. Auch der Blick in unsere jüngste Vergangenheit gibt uns Anlass zur Hoffnung. Wir können uns heute nicht mehr vorstellen, dass noch vor 60 Jahren Frauen keine Rechtssubjekte waren. So werden wir uns eines Tages auch nicht mehr vorstellen können, dass Kinder einst Objekte von Erziehung und Beschulung waren, deren Grundrechte ihnen nur unter bestimmten Bedingungen gewährt wurden. Freilich bedarf es bis dahin noch einiger darzustellender Erkenntnisse und reflektorischer Auseinandersetzungen. Wir werden hoffentlich sehr bald dankbar sein, dass die jungen Menschen niemals aufhörten, Symptome zu produzieren, um uns zu zeigen, dass etwas an den Bedingungen, unter denen wir alle lebten, nicht stimmte. Wir werden uns mit bitterem Herzen daran erinnern, dass wir ihre Signale lange genug – viel zu lange – nicht wahrnahmen und nicht verstanden. Dass wir darauf reagierten, indem wir sie ruhigstellten, sie einsperrten – in Schulen oder, wenn sie sich denen entziehen wollten, in Psychiatrien oder Gefängnissen – sie pathologisierten und mit Medikamenten „funktionstüchtig“ machten. Wir werden uns sagen: „Zum Glück konnten wir diesen Kreislauf der Gewalt durchbrechen und uns dem weiter nähern, was für uns gesund und natürlich ist.“


Dieser Artikel erschien zunächst in der Zeitschrift „unerzogen 3/2012“.



[1] http://bildungsklick.de/pm/83505/mobbing-keine-chance-geben/
[2] Karl E. Dambach, Mobbing in der Schulklasse, Reinhardt 2009
[3] http://bildungsklick.de/pm/80762/schulen-muessen-junge-leute-stark-machen/
[4] http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/36943/2/1
[5] http://efraimstochter.de/astridlindgren/friedenspreis_des_deutschen_buchhandels.shtml
[6] http://www.dialog-herold.de/videobeispiele.html
[7] http://dejure.org/gesetze/BGB/1631.html
[8] http://www.fzpsa.de/Recht/Fachartikel/familienrecht/gewaltfrei/gewaltfreischleicher
[9] Frank Schallenberg, Ernstfall Kindermobbing. Das können Eltern und Schule tun, Claudius 2004
[10] Gehirn&Geist, Das Magazin für Psychologie und Hirnforschung: ADHS. Was macht Kinder hyperaktiv? Ausgabe 9/2012
[11] http://de.wikipedia.org/wiki/Folter
[12] http://www.mobbing-zentrale.ch/wastun.htm
[13] http://www.dialog-herold.de/videobeispiele.html