Mittwoch, 30. Oktober 2013

„Mütter gegen Schulnot“ & eine erfolgreiche Schulverweigerung


Diese Geschichte ist schon über 25 Jahre her (ein viertel Jahrhundert)! Die "Protagonisten" haben schon damals ganz wesentliche und entscheidende Erkenntnisse aus ihren Erfahrungen gewinnen können. Würden wir - gemeinsam! - endlich die daraus folgenden Konsequenzen ziehen: es gäbe vermutlich schon bald keine Schulnot mehr - für niemanden! 

Im Jahr 1987 rief Christine Simon die Initiative „Mütter gegen Schulnot“ aus privatem Anlass ins Leben: sie fragte sich eines Tages beim täglichen Anblick ihres Sohnes Tilmann, der mit Kopf- und Bauchschmerzen aus der Schule heimkehrte, warum sie es täglich hinnehmen und zusehen müsse, „wie die Schule etwas offenbar Wesentliches in unseren Kindern zerstört“[1]. Sie stellte damals weitere ganz wesentliche Fragen:
Warum lassen wir es zu, daß die Beziehung zu unseren Kindern über ein Jahrzehnt hinaus derart belastet wird, wo wir die ersten sechs Lebensjahre in Harmonie und Übereinstimmung miteinander gelebt haben? Warum lassen wir uns vom Staat zwingen, unseren Kindern einzureden, sie müßten jeden Morgen dorthin gehen? Warum begütigen, trösten wir jeden Mittag nur, ohne etwas zu unternehmen, das den Anlaß für die zu tröstenden Schmerzen beseitigt? Warum lassen wir uns zu Anwälten einer Sache pervertieren, hinter der die meisten Menschen – zum Teil auch wegen eigener Erfahrungen – sowieso nicht mit ganzem Herzen stehen?
Mir scheint es wie der Anfang einer langen Kette von Heuchelei, keine Antwort zu geben auf die Frage unserer Kinder: „Warum schweigt Ihr eigentlich zu einer Schule, die uns unterdrückt und gefangen hält?“

Um Schluss zu machen "mit der Schicksalsergebenheit und dem lähmenden Schweigen der Schule gegenüber", rief Christine Simon bundesweit Eltern zur Unterzeichnung einer Resolution auf, aus der ich auszugsweise zitieren möchte:
Wir Mütter sind nicht mehr länger einverstanden mit der täglichen Praxis in unseren Schulen: Wir müssen Tag für Tag fröhliche und meist zufriedene Kinder in eine von ihnen zumeist ungeliebte Institution schicken. Am Mittag erhalten wir verstörte, ausgebrannte,. überdrehte Kinder zurück. Unsere Bemühungen, den Kindern während der ersten sechs Lebensjahre dabei zu helfen, ihre Fähigkeiten für ein kraftvolles, schöpferisch friedvolles, verantwortungsbewußtes und selbständiges Leben zu entfalten, werden in kürzester Zeit in der Schule zunichte gemacht. Wir wollen diesen Zustand nicht mehr länger schweigend dulden.

  • Wir wollen nicht länger Mittag für Mittag Zielscheibe für die in der Schule aufgestauten Aggressionen unserer Kinder sein.
  • Wir wollen nicht länger die Rolle einer Krankenschwester/Psychologin/Anfeuerungsmannschaft spielen, damit unsere Kinder den täglichen Schulstreß einigermaßen heil überstehen.
  • Wir wollen nicht länger in die jahrelange Rolle ohnmächtiger Zuschauer gezwungen werden, die hilflos mitansehen müssen, was aus ihren Kindern gemacht wird.
  • Wir wollen nicht länger als "Hilfslehrer der Nation" der verlängerte Arm der Schule sein und unseren Kindern Nachmittage lang bei Hausaufgaben helfen oder sie dazu motivieren müssen.
  • Wir wollen nicht länger Marionetten in einem unwürdigen Spiel sein, das uns selbst zu einem Verhalten unseren Kindern gegenüber zwingt, das wir nicht bejahen können.
  • Wir wollen Kinder nicht mehr länger zu Leistungen in einer ihnen aufgezwungenen Umgebung überreden, wo wir in unserem eigenen Leben erfahren, wie sehr unsere Leistungsfähigkeit von Freiwilligkeit, Entspannung und Zufriedenheit abhängt. Befriedigende Leistung kann nur mit Liebe erbracht werden, wenn individuell unterschiedliche äußere und innere Faktoren erfüllt sind.
  • Wir wollen die Kinder nicht schon mit sechs Jahren zu Berufstätigen machen, die die Probleme ihres aufreibenden Jobs nachmittags aufarbeiten oder gar in Therapie lösen müssen.

Wir fordern hiermit die Kultusbehörden auf, das bundesdeutsche Schulsystem so zu verändern, daß die Schule den Charakter einer Zwangsveranstaltung verliert. (...)

Daraufhin folgten einige Veränderungsvorschläge dahingehend, das Bildungsziel der Schulen zu überdenken, Lehrer von Lehrplan- und Leistungsvorschriften zu befreien und private (Schul-) Initiativen und unterschiedliche pädagogische Modelle, einschließlich privaten Unterrichts, zuzulassen.

Diesem Aufruf folgte ein Echo (in Form von mehreren Hundert Unterschriften), welches zeigte, dass Christine Simon mit ihrem Erleben und ihrer Haltung nicht allein war. Ein Austausch entstand - zwischen Eltern, Kindern und Lehrern.
Zu Beginn schien es gar, daß trotz anfänglicher Schwierigkeiten ein fast herzlich zu nennendes Verhältnis zwischen der Lehrerin und uns entstehen könnte. Leider zeigte sich nach einem halben Jahr, daß selbst vorsichtiges, rücksichtsvolles Vorgehen nicht wirklich zu einem lebendigen Austausch führte, denn in entscheidenden Fragen entschied sich die Lehrerin stets im Sinne ihres Arbeitgebers, der Behörde, und nie für das Kind.

Es wurde mir deutlich, daß sehr viele Menschen, darunter auch die Mehrzahl der Lehrkräfte, gar nichts über mögliche Alternativen zum herkömmlichen Schulbetrieb wissen, daß sie sich gar nicht im Klaren sind darüber, tatsächlich etwas ändern zu können. Darum schien es uns wichtig, Informationen zu geben, im Gespräch mit Einzelnen wie in Vorträgen und im Austausch von Erfahrungen. (...) Langsam wurde mir klar, daß dies, was wir da begonnen hatten, eine außerordentlich komplexe Angelegenheit ist.

Die Resolution mitsamt Unterschriften wurde in einem Offenen Brief an das Bayerische Kultusministerium gesandt. Die Antwort "war aufschlußreich oberflächlich und ging in keiner Weise auf meinen Brief und unsere vorangestellte Resolution ein. Der ganze große Themenkomplex wurde darin zu einer Marginalie heruntergespielt."
Mit dem Schulleiter von Tilmanns Schule (gleichzeitig CSU-Bürgermeister) hatte ich ein langes Gespräch mit dem Ergebnis, daß er meine angebotene Zusammenarbeit ablehnte mit dem Argument, er mißtraue mir politisch. Er weiß, dass ich mit keiner Partei etwas zu tun habe. (...)

In unserem Staat herrscht offenbar eine kleinliche Angst vor der Freiheit, eine Lügenhaftigkeit, die sich ständig vor sich selbst rechtfertigen und ihr ständig neue Energie zuführen muß. Offenbar wollen die Politiker nicht wirklich etwas ändern, darum erscheint es uns um so wichtiger, völlig unabhängig von der Aussicht auf schnellen Erfolg unnachgiebig, beharrlich den Verantwortlichen klarzumachen, daß wir nicht gewillt sind, unseren Kindern und uns die schulischen Verhältnisse aufzwingen zu lassen und uns mir schönfärberischen Beteuerungen zufrieden zu geben.

Christine Simon hatte schon damals erkannt, wovon der Neurobiologe Gerald Hüther heute in seinen zahlreichen Vorträgen spricht: "An den Schulen wird etwas zerstört, das die vielleicht kostbarste Fähigkeit ist, die wir haben: das Lernen selber", "die Freude am Lernen, die Bereitschaft, überhaupt lernen zu wollen" und damit "die Haltung dem Leben gegenüber, die uns fähig macht zu Offenheit, zu forschender Neugier, zu Klarheit, Ruhe, Einfühlsamkeit". Sie spricht von der gefährlichen Bewertung in Form von Benotung, welche die innere Freiheit der Menschen zerstöre: "An mir selber und an den Menschen, die mich umgeben, habe ich gesehen, wie dieses ständige Werten, das wir schon so verinnerlicht haben, unsere Achtung zerstört vor dem Verschiedenartigen und vor der Schönheit des Lebendigen." Und sie sprach von dem "Überdruß", der "Unlust", dem Verlust von "Leidenschaft, Spontaneität".

In einem Vortrag auf dem 6. Regensburger Kongress im Oktober 1987 berichtete Christine Simon von ihrer Initiative und schrieb später darüber:
Damals dachte ich noch hoffnungsvoll an die Möglichkeit, innerhalb des bestehenden Systems etwas bewegen zu können. Es kam anders:

Ab Anfang Dezember 1987 weigerte sich Tilmann, weiter in die Schule zu gehen. Von da an "unterrichteten" wir ihn selber, - sein Vater, Freunde und ich. Diese zeit war für mich eine wunderbare Erfahrung. Wir alle sahen, wie sich Tilmann verwandelte, - hin zu einem viel ruhigere, selbständigeren und schöpferischen Menschen. Diese Qualitäten kenne ich von ihm von Anbeginn und hatte sie bereits für lange Zeit verloren geglaubt.
Zwei Jahre lang setzten sich Tilmanns Eltern, unterstützt von der Lebensgemeinschaft, in der sie lebten, mit Behörden auseinander, mit Bußgeld- und Sorgerechtsverfahren - wegen angeblicher "Verletzung des Kindeswohls", weil Tilmann nicht in der Schule lernte, sondern eingebettet in ein natürliches soziales Umfeld frei sich bildete. Nach dieser Zeit "fällte ein bayerischer Amtsrichter ein sensationelles Urteil: Freispruch! Zum ersten - und bislang einzigen - Mal erkannte ein deutsches Gericht an, dass Lernen in Freiheit kein Verbrechen ist, sondern dem Wohl eines jungen Menschen dienen kann".[2]




[1] C. Simon, Mütter gegen Schulnot – Eine Dokumentation, in Die Entfesselung der Kreativität. Das Menschenrecht auf Schulvermeidung …

[2] Dieses Zitat entstammt dem Umschlagstext des kürzlich neu aufgelegten Buches Tilmann geht nicht zur Schule. Eine erfolgreiche Schulverweigerung, herausgegeben von Johannes Heimrath, Drachenverlag. Dort heißt es weiter: "Das Buch, das schon viele Eltern in ähnlicher Situation angeregt hat und das nun in einer überarbeiteten Neuausgabe vorliegt, schildert neben den einzelnen verfahrensschritten den inneren Prozess von Tilmanns Familie während der Eskalation der Ereignisse. Ein an Argumenten reiches, ermutigendes Beispiel zivilen Ungehorsams zugunsten von Bildungsfreiheit und einer auf gleichberechtigter Teilhabe gründenden Beziehung zwischen den Generationen."

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